Rückblickend konnte man sagen, dass das Leben der Menschen im Großen und Ganzen schon immer ein ziemlicher Mist gewesen war. Das Universum ließ die Erde durch ihre Galaxien wabern und sah zu, wie die Menschen auf ihr hin und her kullerten. Mal mehr und mal weniger erfolgreich schaffte es die Menschheit sich in den Pausen des galaktischen Bowlings aufzurappeln und sich für den Wimpernschlag einiger Jahrhunderte der Illusion hinzugeben, sie würde sich weiterentwickeln und zu Höherem streben, als nur der Nahrungsaufnahme und der Fortpflanzung.
Gegen Anfang des 21. Jahrhunderts, so etwa ab dem Jahr 2017 neigte sich eine ungewöhnlich lange Hochphase der Menschheit langsam aber sicher ihrem Ende zu. Die Anzeichen waren überall und deutlich zu sehen. Auch wenn viele es natürlich nicht wahrhaben wollten – es liegt nun einmal in der Natur des Menschen, drohende Gefahren zu ignorieren, je größer die Gefahr, desto vehementer – so war doch im Grunde klar, dass das Universum, das die Erde für einen Moment lang halbwegs ruhig in der Hand gehalten hatte, sie schon bald würde fallen lassen.

Tabor war gewiss keiner dieser Menschen, die sich irgendeiner Illusion hingaben, was sowohl ihre eigene Vergänglichkeit als auch die Vergänglichkeit der andauernden Phase des humanoiden Höhenfluges anbelangte. Nun hatte er keineswegs resigniert und sich vollends der Verdummung hingegeben, war er doch der Meinung, man müsse dem abnehmenden Interesse des Universums alles entgegensetzen, und das bis zur letzen Sekunde, was man als Mensch zu vermögen in der Lage war. Aufzuhalten aber, das war ihm klar, war das ganze freilich nicht mehr.
So, oder zumindest ähnlich dachten wohl viele Stadtbewohner, die sich zu dieser Zeit in Berlin tummelten und mit Demonstrationen, Facebookposts und Onlinepetitionen versuchten, das nahende Ende hinauszuzögern und sich zugleich doch ihrer Machtlosigkeit bewusst genug waren, um sich dem Müßiggang in einer Vollendung hinzugeben, wie ihn weder ihre Eltern noch deren Eltern oder Großeltern gesehen hatten und eigentlich auch sonst niemand, soweit man sich zurück entsinnen konnte.
In diesem Spannungsfeld also, zwischen Tragik und Frohsinn, zwischen der Sehnsucht nach anderen Zeiten und dem unbedingten Leben im Jetzt, zwischen dem Wunsch, sich zu erheben und dem Wissen der Unterlegenheit, spielte sich das Leben Tabors ab und sorgte mit konstanter Gewissheit für eine hochgradige Unkonstante. Für Ebbe und Flut, für die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit und die vollendete Gabe, eben diese Wachsamkeit nur all zu schnell zu vernachlässigen. WL

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