Silberfische am Horizont (Ausschnitt Kapitel 8)

Er legte Bachs Cello Suiten in der Aufnahme von Anne Gastinel von 2008 auf. BWV 1007 bis 1012. Es gab kaum bessere Musik wenn man allein war, dachte er. Die Erhabenheit der barocken Komposition, die einen unverhohlen aufrechter gehen ließ und sich wie ein Filter zwischen einen selbst und die Realität legte. Und dennoch klang das Cello so unglaublich modern. Ein fast elektrisch perfekter, minimalistischer Klang, der doch analoger nicht sein konnte. Er konnte den Widersprich nicht auflösen, aber das war nicht schlimm. Genau dieser Widerspruch übte eine Faszination auf ihn aus, die schwer zu greifen war. Musik, die so alt war und dennoch nichts eingebüßt hatte. Sie war noch immer perfekt. Drei Jahrhunderte und unzählige Epochen später. Er war nur 35 Jahre alt und hatte schon mehr Musikstile und Interpreten kommen und gehen sehen, als das gesamte 18. und 19. Jahrhundert zusammen, aber etwas von solcher Größe? Vielleicht gab es sie, aber sie gingen unter in der gigantischen Woge der tausenden von Liedern, die täglich irgendwo auf der Welt online gestellt wurden um Sekundenbruchteile später wie tobende Gischt über uns hereinzubrechen. Wer kam da noch hinterher? Unzählige Stile und noch mehr Unterarten. Erst gab es Disko, House, dann Techno. Heute gibt es Deep House, Tech House, Techno, richtigen Techno, Acid, Trance, Gabba, Hardcore, Downtempo, Ketatechno, weiß der Teufel was. Und dann natürlich noch Abarten wie EMD und Schlimmeres. Und alle grenzten sie sich von einender ab. Durch Kleidung, durch Tanzstil, durch eigene Festivals und Torten, die von Pseudo- DJ- Bühnen geworfen wurden. Nicht einmal mehr Nationalhymnen konnten die Leuten heute noch musikalisch zusammenbringen. Und erst recht nicht eine musikalische Katastrophe wie die deutsche. Aber das war auch gut. Hymnen auf Staatengebilde tragen nichts Gutes in sich. Niemals.

Das Knallen eines Mülltonnendeckels im Hof riss ihn aus seinen Gedanken. Tabor ging ans Fenster. Es hatte ganz leicht begonnen zu schneien. Nur ganz wenige, watteweiße Flocken, man glaubte beinahe sie zahlen zu können, segelten wie in Zeitlupe Richtung Boden. Die Luft vor dem Fenster wirkte unnatürlich starr und bewegungslos. Wie ein Bild, wie eine Momentaufnahme ohne jede Regung. Selbst der neonweiße Lichtkegel der kleinen, von einem Bewegungsmelder ausgelösten Röhre, die die Mülltonnen im Hof beleuchtete, wirkte wie eine schlecht gelungene Stelle im Bild, die man heller gemalt hatte um den Schein von Licht nachzuahmen, das auf schwarze Kunststoffbehälter und moosgrün bewachsenen Beton fiel. Fast war es, als wäre dort gar keine Luft mehr, sonder nur noch ein zweidimensionaler, luftleerer Raum, der sich langsam verfestigte und zu einem trostlosen Gemälde großstädtischer Tristesse wurde. Wie grotesk dachte Tabor. Die hässlichen, stinkenden Mülltonnen hatten sie beleuchtet, um die Pfandsammler und Plünderer in der Nacht abzuschrecken, während das liebevoll von der Prostituierten aus dem Erdgeschoss gepflegte Blumenbeet komplett im Dunkeln liegt. Bullshit. Tabor ließ vorsichtig die beiden weißen Lamellenjalousien herunter, die, sich leicht überlappend, die alten Doppelfenster verdeckten. Die erste glitt mit einem leichten Klacken auf das Fensterbrett, die zweite kam ihm etwa auf halber Höhe aus und sauste mit einem metallischem Scheppern auf die Heizung. Als er sie anhob spürte er die aufsteigende Wärme des Heizkörpers und hielt für einen Moment seine Hände mit gespreizten Fingern darüber. Er konnte nicht mehr sagen, ob er einige Sekunde so verharrt hatte oder einige Minuten. Er trat einen Schritt zurück ins Zimmer. Seine Beine schmerzten vom vielen Gehen und sein Kopf sauste vom Whiskey. Er klappte seinen Laptop auf und suchte nach anderer Musik. Er klickte sich durch die Bibliothek, spielte einige Titel kurz an, nur um sie sofort wieder zu stoppen. Schließlich entschied er sich für Simian Mobile Disco – Hades Rocket. Der drückte das Playsymbol und sackte auf das Sofa. Die Stereoanlage war von Bach noch etwas zu laut eingestellt für die Uhrzeit, aber es würde sich niemand beschweren. Am Leopoldplatz kümmert sich jeder um seinen eigenen Scheiß. Sein Kopf nickte im Takt des einsetzen Basses. Seine Beine zuckten und forderten ihn heraus. Er drückte gegen den Schmerz in seinen Beinen, stieß sich hoch von der Couch und begann langsam zu tanzen. Der Alkohol pochte in seinem Kopf und ließ seine Gedanken verschwimmen. Er tanzte schneller. Schweiß machte sich auf seinem Körper breit. Das schachbrettartige Muster des Teppichs wuchs empor und durchzog den Raum wie ein Gitternetz. Er schloss die Augen. Sein Herzschlag wurde schneller und ging über in die Bassfrequenz der Musik. Der Rausch trug ihn mitten hinein, vorwärts, hinaus aus dem Zimmer, über die Stadt, direkt in die Unendlichkeit der Nacht. Er tanzt und tanzte und tanzte, bis seine Beine ihm irgendwann nicht mehr gehorchten, er auf den Teppich zusammensackte und einschlief.

Sein Schlaf war durchzogen von wirren Träumen. Eine Frau, die ihm bekannt vorkam, fragte ihn, ob er ein Sandwich haben wollte. Er versuchte ihr Gesicht zu erkennen, aber egal aus welcher Perspektive er es auch betrachtete, konnte er immer nur ihre kinnlangen, blonden Haare und eine Nasenspitze erkennen, von der er sicher war, sie schon einmal gesehen zu haben. Aber er wollte sich einfach nicht erinnern, zu wem sie gehörte. Nach einiger Zeit gab er es auf und fragte, was es denn für ein Sandwich sei. Sie antwortete: „Ein Silberfischsandwich, ganz frisch!“

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