Silberfische am Horizont (Auszug, Kapitel I)

Die untergehende Novembersonne stand so tief, wie es Tabor noch nie zuvor gesehen hatte. Zumindest konnte er sich nicht erinnern, schon jemals so direkt und ohne den Kopf auch nur einen Zentimeter zu heben, in ihre Strahlen geblickt zu haben. Obwohl es leicht regnete, stanzte die Sonne unendlich lange Zylinder in die staubige Luft und füllte sie mit dickflüssigem Honig. Jeder Atemstoß aus Nase und Mund ließ abertausende Partikel in wilden Strudeln in die Strahlen gleiten und es war, als würden sie in ein Paralleluniversum geschleudert und auf eine Reise geschickt, deren ungutes Ende bereits vorgezeichnet war.

Tabor versuchte das Rauschen des Regens zu hören, aber die lichten Tropfen des abflauenden Sturm waren nicht mehr stark genug um gegen den Lärm der Stadt im Berufsverkehr anzukommen. Er musste ans Meer denken und daran, wie lange er schon nicht mehr dort gewesen war. Sicherlich, er hatte vor einigen Wochen einen Tag an der Nordsee verbracht, beruflich, aber das war nicht das Meer, das er meinte. Er dachte an das Meer seiner Kindheit, das verbunden war mit Sonne und weiten Stränden. Mit Ferien und Erdbeereis und dieser unbegreiflichen Unbeschwertheit, die man nur als Kind haben kann, wenn man noch nicht weiß, was das Leben für einen noch an Stolpersteinen vorgesehen hat. Auch wenn er, damals mit sechs Jahren, schon eine leise Vorahnung hatte. Wie ein Flüstern in stillen Momenten, wie knisterndes Pergament, ein unheilvolles Säuseln in einer tiefen Windung seines Gehirns. Aber wirklich deuten konnte er es damals freilich noch nicht.

Sein Telefon machte einen Klicklaut und kündigte eine Nachricht an. Ein Freund fragte ihn, ob sie etwas Essen gehen wollten. Ein Freund? War er wirklich ein Freund oder nur ein Bekannter, mit dem er zufällig einmal gearbeitet hatte und mit dem er den Hang zu exzessivem Rausch teilte? Er wusste es nicht. Dieses Freunde Ding hatte er noch nie vollkommen begriffen. Auch wenn er zwei alte und, wie selbst glaubte, sehr gute Freunde hatte, die er in regelmäßigen Abständen besuchte, und selbst wenn diese ihn wie einen Bruder sahen, war er sich nie sicher, ob er das selbe fühlte wie sie. Es hat immer diesen letzten Rest an innerer Finsternis, den er nie mit ihnen teilen würde können.

Das Restaurant, dass sein Freund vorgeschlagen hatte war nur ein kurzes Stück zurück in Richtung des Büros, aus dem Tabor gerade nach Hause fuhr und er entscheid sich auszusteigen und umzudrehen. Er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und ohnehin musste er mehr unter Leute. Kollegen auf der Arbeit sind nicht die Sorte Sozialkontakte, die einen langfristig voranbringen. Er warf einen kurzen Blick auf seinen Kalender: Er hatte sich für heute nichts mehr eingetragen. Als er durch die weich zischende Hydrauliktür des Busses nach draußen stieg, war der Regen verschwunden. Auch der Wind hatte abgeflacht, aber er war noch immer typisch unangenehm für das spätherbstliche Berlin. Tabor schlug den Kragen seines grauen Mantels nach oben und vergrub die Hände in den Jackentaschen.

Er hielt einen Moment inne, als er durch die Tür des Restaurants schritt und sog die von exotischen Gerüchen durchzogene Wäre des Raumes in sich auf. Sein Blick lief suchend über die Gesichter. Es schien ihm, als würden sie sich wie in Zeitlupe bewegen. Essen in sich hineinschaufelnd und mit Alkohol herunterspülend. Abgerissenes, dumpfes Lachen. Klirren von Gläser, die aneinandergestoßen wurden und das Rauschen unzähliger, gedämpfter Gespräche ließen die Luft in einer anderen Frequenz schwingen und sein Gehirn musste sich erst langsam daran gewöhnen. An einem länglichen Tisch aus schwerem, dunklem Holz direkt am Fenster entdeckte er das Gesicht seines Bekannten. Auf dem Tisch standen bereits zwei volle Gläser Rotwein. […]

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