Der Zeitreisende

Oktober (Auszug aus „Offener Vollzug“)

Die Tage im Gefängnis sind seltsam. Die kurzen Nächte und das Fehlen von Ablenkung, Freizeitgestaltungsmöglichkeiten und geeigneten Gesprächspartnern lassen einen schnell einsam werden, wenn man die Zeit mit sich selbst nicht zu nutzen weiß. Hier zeigt sich im Besonderen eine Eigenschaft der Zeit: Über einen längeren Zeitraum hinweg bewegt sich Zeit immer gleich schnell. Aber innerhalb eines Zeitfensters kann Zeit sich zusammenziehen und ausdehnen. Ein Tag im Offenen Vollzug quält sich mühsam und langsam über die vierundzwanzig Stunden und führst einem jede Stunde, jede Minute und jede einzelne Sekunde die eigene, aufgezwungene Untätigkeit vor Augen. Jedoch auf Wochen-, Monats- oder gar Jahressicht rast die Zeit an einem vorbei wie vom Pendel der ewigen Uhr über den Rand der Welt gerissen! Es ist beinahe so, als wäre man innerhalb der Zäune des Gefängnisses in einer Zeitblase gefangen, in der die Zeit sich zur maximalen Länge ausdehnt, während außerhalb das Universum vorbei rauscht und man nicht die geringste Chance hat, dem zu folgen, was sich dort Lichtjahr für Lichtjahr abspielt. Wie ein Film in Zeitraffer, in den man nicht mehr eingreifen kann. Und schafft man es an einem der wenigen Tage sich für ein paar Stunden aus der Blase zu befreien, ist das, was man zu erreichen suchte längst Vergangenheit und nur der Nachhall einst vertrauter Ereignisse steift noch über den Kopf des Zeitreisenden.

Willibald raffte die Kapuze seiner dünnen, schwarzen Jacke um den Hals und versucht die schneidende Kälte der kristallklaren Oktoberluft, die vor zwei Tagen mit einem Mal, plötzlich über Nacht und ohne Vorwarnung so kalt geworden war, dass man eigentlich schon eine Winterjacke hätte anzeigen sollen, abzuschirmen. Seine rechte Hand war eiskalt und steif, weil er im Gehen telefoniert hatte. Die rettende Wäre des M29 war wie immer zu spät. Ohnehin war der Fahrplan eigentlich kaum mehr als Dekoration. Der Bus kam, wann er kam. In den letzten Tagen hatte er oft daran denken müssen. Ans Gefängnis, die endlosen Tage und seine Einsamkeit. Fast genau ein Jahr war es her, an einem Montag, dass er zum ersten mal durch den unscheinbaren Eingang der JVA des Offenen Vollzugs gegangen war und sechs Monate und drei Tage hatte es gedauert, bis er zum letzen Mal durch ihn hindurchgegangen war. Dass er gerade jetzt so oft daran dachte hatte aber noch einen anderen Grund. Dar war dieser Anruf am Sonntag gewesen. Als hätte er gerade erst aufgelegt, konnte er noch immer die Angst und die Verzweiflung in der Stimme am anderen Ende der Frequenz hören: “ Willi, ich hab Scheiße gebaute. Richtige Scheiße! Diesmal hab ich versaut. Verkackt hab ichs Alter, richtig verkackt!“ Fast eine Stunde hatten sie geredet und Willi hatte versucht ihn zu beruhigen, ihm einzureden, dass es ja vielleicht gar nicht so schlimm werden würde, auch wenn er wusste, dass es diesmal wirklich nicht gut ausgehen würde. Dann mussten sie auflegen. Sie hatten noch vereinbart, dass Marco sich so schnell wie möglich melden sollte. Das war vor vier Tagen. Kein Anruf, nur ein verfickter grauer Hacken bei WhatsApp und keine Reaktion auf Facebook. Eigentlich wusste Willi, was das bedeutete. Aber er wollte es nicht wahrhaben. Noch nicht.  Wollte sich nicht vorstellen, was das für Marco bedeutete und wie es ihm jetzt erging. Und dann schwang da noch etwas anderes mit. Marco hatte ihm am Samstag noch gefragt, ob er nicht mitkommen wollte. Einen draufmachen und so. Aber Willi hatte abgesagt. Wollte dieses Wochenende lieber ruhig angehen. Er hatte schon geahnt, dass es gefährlich werden könnte. Marco und sein Bruder, die sich seit langem nicht gesehen hatten und beide so unberechenbar waren wie die S Bahn im Winter. Aufbrausende Charaktere mit einem Hang dazu, Probleme mit Gewalt zu beantworten. Hätte er mitkommen müssen? Hätte er es verhindern können? Oder wäre er womöglich selbst hineingeraten in diesen Schlamassel? Willi lief die endlosen Stufen zur U Bahn Turmstraße hinunter und ließ sich kraftlos auf den ersten Gitterstuhl am Bahnsteig sinken. Er holte sein Handy aus der Tasche und öffnete WhatsApp. Der Haken war noch immer grau. Und einsam. WB

 

 

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