die Melodie der Nachmittagsbenebelung

Während das Gemisch aus Gin, Tonic und Gurken sich wellenartig seinen Weg über die Zunge in den Hals bahnte, schlugen die auf Spielwürfelgröße geschrumpften Eiswürfel wie kleine Schellen, ganz leise klimpernd, gegen die Schneidezähne und spielten die Melodie der samstäglichen Nachmittagsbenebelung. Der bittere Nachhall des Tonic ließ die Zunge Warnsignale in Richtung Kleinhirn feuern, während die Süße auf der Zungenspitze nach Mehr verlangte, wie ein Berserker im Blutrausch. Willi stellte das Glas mit einem dumpfen, holzigen Geräusch auf dem Tisch vor sich ab und konzentrierte sich wieder darauf, auf Mixcloud das Set zu finden, das er seit zehn Minuten vergeblich suchte. Aber egal wie er die Schreibweise auch änderte, hatte er kein Glück. Er wählte ein anderes Set, das auf dem selben Festival aufgenommen worden war, startete bei zehn Minuten dreißig und schickte es ohne die Lautstärke zu kontrollieren an die 3000 Watt PA fünf Meter neben ihm. Der dritte Raum feuerte mit derartiger Gewalt los, dass Willi sich reflexartig wegduckte und halbblind die Lautstärketaste am Macbook nach unten nestelte. Er hörte ein Pfeifen und blickte auf. In der offenen Balkontür der WG gegenüber stand ein Mann in Unterhosen, der mit einem breiten Grinsen im Gesicht und einer Flasche in der wippenden Hand seines angewinkelten Armes seine berauschte Zustimmung zu dem unerwarteten Innenhofrave kundtat. Willi wartete geradezu darauf, dass im nächsten Moment ein „Hyper! Hyper!“ über den Hof gegrölt würde, aber die nun wieder leisere Musik ließ den Mann in Unterhosen noch einmal in seine Richtung prosten, um dann mit seinem noch immer andauernden Grinsen wieder im Schatten des Raums hinter ihm zu verschwinden.      Die Musik und der Gin vermischten sich langsam zu dem Rauschzustand, den Willi angestrebt hatte. Er machte die Musik wieder etwas lauter. Er trank weiter und versuchte sich in die Stimmung zu versetzen, in der er gewesen war, als er das Set vor sieben Tagen live auf dem Festival zwischen hunderten von tanzenden Leuten gehört hatte. Für einen kurzen Moment glaubte sich zurückversetzen zu können, aber das schlagartig aufheulende Signal eines Krankenwagens unterbrach seinen Tagtraum. Er nahm den letzten Schluck aus dem zylinderförmigen, leicht konisch zulaufenden Longdrinkglas. Die winzigen Eiswürfel spielten noch einmal leise ihre Melodie und verschwanden aufgelöst im Strudel der Aromen um sich einzureihen in die Fahrt Richtung Blutbahn und Synapsen. wl.

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Willibald Laub – sunday pattern

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